Niedrigwasser-Informationsdienst Bayern

Niedrigwasser-Lagebericht Bayern

Ausgegeben am 18.07.23, 13:00 Uhr

Deutlich zu trockener nordbayerischer Sommer. Bei Wasserversorgern, die sich vorwiegend auf Quellwasser stützen, treten in Einzelfällen Engpässe auf. 82 Prozent der Fließgewässerpegel zeigen niedrige Verhältnisse. Erste Meldungen über Blaualgenblüten und Badeverbot.

Witterung:
Die Witterung der letzten Wochen war unbeständig mit einer Hitzewelle vom 08. bis 11. und zeitweiligen regionalen Schwergewitterlagen, die häufiger Südbayern trafen. Das heterogene Niederschlagsgeschehen verhinderte eine Trockenperiode, aber der Sommer bleibt in Nordbayern deutlich zu trocken (Abb. 1). So beträgt die Niederschlagssumme des bisherigen hydrologischen Sommerhalbjahres (01.05. bis 17.07.2023) für Nordbayern 95mm (47% vom Mittel 1971 bis 2000) und für Südbayern 206mm (66% vom Mittel). Damit fehlen im langjährigen Vergleich rund 105mm allein aus den letzten 2,5 Monaten. Der Niederschlags-/Dürreindex (SPI) der letzten 90 Tage klassifiziert für große Teile Nordbayerns extrem trockene Verhältnisse, die sich an einigen Stationen mit dem extremen Trockenjahr 1976 vergleichen lassen (Bechhofen/Lkr. Ansbach, Adelsdorf/Lkr. Erlangen-Höchstadt, Helmbrechts/Lkr. Hof). Neben der Trockenheit erlebt Bayern einen zu warmen Sommer. So erreicht die Anzahl der Sommertage (Tageshöchsttemperatur mindestens 25°C) das Doppelte des langjährigen Mittels und reicht von 17 (Hof), über 33 (München), 43 (Regensburg) bis 44 (Möhrendorf-Kleinseebach). Die Spannweite der heißen Tage (Tageshöchsttemperatur mindestens 30°C) erstreckt sich von 4 (Hof), über 10 (München, Würzburg, Regensburg) bis 14 (Möhrendorf-Kleinseebach). Bei der DWD-Station Möhrendorf-Kleinseedorf/Lkr. Erlangen-Höchstadt wurde am 15.07. mit 38,8°C die bisher höchste Lufttemperatur des laufenden Jahres gemessen, der Rekordwert von Kitzingen (40,3°C im Jahr 2015) wurde bisher nicht erreicht. Einzelne Stationen verzeichneten mehrere Wüstentage mit Lufttemperaturen über 35°C (München 2, Würzburg 3, Möhrendorf-Kleinseebach 4).

Fließgewässer:
In weiten Teilen Bayerns herrscht aufgrund des Niederschlagsdefizits weiterhin Niedrigwasser. Ca. 59% der Messstellen in Bayern zeigen für die Jahreszeit niedrige Abflussverhältnisse. An 23% der Messstellen werden aktuell Abflüsse unter dem langjährigen mittleren Niedrigwasserabfluss (MNQ) gemessen und als sehr niedrig eingestuft. Günstiger ist die Abflusssituation an Fließgewässerabschnitten, die durch Speicherabgaben gestützt werden.

Seen und Speicher:
An den Seen im Süden Bayerns treten vermehrt niedrige Wasserstände auf. An ca. 22% der beobachteten Seen und Speicher werden für die Jahreszeit niedrige Wasserstände, vereinzelt (6%) sehr niedrige Wasserstände registriert.
Die Betriebsräume der staatlichen Wasserspeicher mit Funktion der Niedrigwasseraufhöhung sind derzeit mit Ausnahme des Brombachsees (49 %) zu 77% bis 100% gefüllt und können für die Niedrigwasseraufhöhung in Anspruch genommen werden.

An den vier Anlagen Ellertshäuser See, Eixendorfer See, Liebensteinspeicher und Trinkwassertalsperre Mauthaus werden aktuell weiterhin Baumaßnahmen durchgeführt, so dass dort keine bzw. nur sehr begrenzt Niedrigwasseraufhöhung erfolgen kann. Der Eixendorfer See ist für Sanierungen (Bau eines neuen Entnahmeturms) teilabgestaut. Der Liebensteinspeicher wurde für Brückenabrissarbeiten der Gemeinde Plößberg ebenfalls teilabgestaut und befindet sich weiterhin im Aufstau. Trotz des noch niederen Füllstandes konnte der Regelbetrieb wiederaufgenommen werden. Der Ellertshäuser See wurde in 2021 für umfangreiche Sanierungsmaßnahmen komplett abgestaut (siehe auch: https://wwa-ellertshaeusersee.de). Der Wiederaufstau wurde im September 2022 begonnen und über den letzten Winter wurde das Grundseeniveau wieder erreicht.
Das Überleitungssystem Donau-Main kann derzeit über den Main-Donau-Kanal unter Mitwirkung des Rothsees das Maingebiet planmäßig mit Donauwasser versorgen.
Die Betriebsräume der Trinkwassertalsperren Mauthaus und Frauenau sind derzeit zur uneingeschränkten Wasserlieferung an die Fernwasserversorger mit rund 81 bzw. 84% ausreichend gefüllt.

Grundwasserstände:
Entwicklung der Grundwasserstände und Quellschüttungen im oberen Grundwasserstockwerk im Kalenderjahr 2023:
Während Anfang März 2023 an 66% der Messstellen noch niedrige oder sehr niedrige Grundwasserstände und Quellschüttungen registriert wurden, hatte sich die Situation auf Grund der teilweise sehr ergiebigen Frühlingsniederschläge entspannt. So wurden Mitte Mai zwischenzeitig nur noch an 20% der Messstellen niedrige oder sehr niedrige Werte gemessen. Hierbei handelte es sich primär um Messstellen fließgewässerferner Grundwasservorkommen mit mächtiger Überdeckung bzw. großen Flurabständen. Als Folge der Mitte Mai einsetzenden und noch immer andauernden Trockenperiode hat sich die Grundwassersituation erwartungsgemäß wieder verschärft. In der Folge liegt der Anteil von Messstellen mit niedrigen bzw. sehr niedrigen Messwerten aktuell bei rund 55% (Abb. 2). Nur im Jahr 2022 wurde dieser Wert mit rd. 73 % zum selben Zeitpunkt noch übertroffen (2021: 22%, 2020: 32%, 2019: 45%, 2018: 50%).
In mehreren Regionen Nordbayerns werden derzeit noch durchschnittliche Grundwasserstände und Quellschüttungen registriert. Von niedrigen Grundwasserverhältnissen betroffen sind hier vor allem Bereiche des unteren Mains, sowie die Grundwasservorkommen des Fränkischen Jura sowie des Sandsteinkeuper. Hingegen werden in Südbayern aktuell mehrheitlich niedrige oder sehr niedrige Grundwasserstände registriert. Schwerpunkte bilden die Grundwasservorkommen der Münchner Schotterebene, des Tertiär bzw. der Oberen Süßwassermolasse, sowie verschiedene quartäre Vorkommen entlang der Fließgewässer.

Entwicklung der Grundwasserneubildung in den letzten Jahren:
Aufgrund der zu geringen Niederschläge der letzten Jahre weist die Grundwasserneubildung in Bayern seit 2003 ein mittleres jährliches Defizit von 16% auf. Durch die zuletzt gehäuft aufgetretenen Trockenjahre (2015, 2018, 2019, 2020, 2022) kann dieses Defizit nicht durch einzelne regenreiche Monate langfristig ausgeglichen werden. Insbesondere (Stark-) Niederschläge in hoher Menge und kurzer Dauer fließen auf ausgetrockneten Böden teilweise direkt wieder an der Oberfläche ab. In Kombination mit der hohen Pflanzenverdunstung im Sommerhalbjahr (Mai-Oktober) stehen die Niederschläge für eine Auffüllung der Grundwasservorräte daher nur zu einem vergleichsweise geringen Anteil zur Verfügung. Eine Verbesserung der Situation durch eine nachhaltige und flächendeckende Regenerierung, speziell in fließgewässerfernen Grundwasservorkommen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit erst wieder durch ein außergewöhnlich niederschlagsreiches Winterhalbjahr 2023/24 (November bis April) möglich.

Entwicklung der Grundwasserstände in den tieferen Grundwasserstockwerken:
Die Grundwassermessstellen der tieferen Grundwasserstockwerke weisen bereits seit dem Trockenjahr 2015 mehrheitlich niedrige Grundwasserstände auf. Die Anzahl der als niedrig und sehr niedrig klassifizierten Grundwassermessstellen beträgt derzeit rd. 74% (Abb. 2). Besonders von niedrigen Grundwasserständen betroffen sind die Messstellen des Jura, des mittelfränkischen Sandsteinkeupers sowie des Tertiärs zwischen Alpenvorland und Donau.

Trinkwasserversorgung
Die Trinkwasserversorgung in Bayern ist insgesamt gesichert. Aufgrund der trockenen Wetterlage sind im südlichen Schwaben und der südlichen Oberpfalz (im Kristallin) Rückgänge der Schüttungen der für die Trinkwasserversorgung genutzten Quellen zu beobachten. In den Allgäuer Alpen und kleinen Ortsteilen im Allgäu können in einzelnen Fällen bei Wasserversorgern, die sich vorwiegend auf Quellwasser stützen, bereits Engpässe auftreten. Jeweils von einem Wasserversorger in Mittelfranken und Schwaben ist der vorsorgliche Aufruf an die Bevölkerung zum Wassersparen bekannt. Ein Wasserversorger im nordöstlichen Unterfranken erlies eine Anordnung, mit der bestimmte Nutzungen, z.B. Befüllen von Pools, Autowaschen, Reinigung von Verkehrsflächen, Beregnung von Rasenflächen, Spiel- und Sportplätzen untersagt wurden. In Kombination mit der aktuellen Sanierung von Quellen kommt es in mehreren Ortsteilen einer Gemeinde in der Oberpfalz zur Beeinträchtigung der Wasserversorgung. Die Gemeinde erlies deshalb Mitte Juni eine Anordnung mit Untersagung bestimmter Nutzungen. Die Versorgung eines Ortsteils einer Gemeinde im nördlichen Oberfranken wird mittels Tankwagen unterstützt.

Gewässerökologie Fließgewässer und Seen:
Die gewässerökologische Situation in unseren Fließgewässern wird maßgeblich durch das Zusammenspiel von Wassertemperatur, Sauerstoff und Abfluss bzw. Wasserstand und Strömung bestimmt. Mit den heißen Sommertagen der letzten Wochen steigen auch die Wassertemperaturen in den Flüssen und Bächen. In 24% der Fließgewässer werden die Orientierungswerte für die Wassertemperatur momentan überschritten. Auch die Lage der landesweit niedrigen Abflüsse hat sich verschärft. An 82% der Pegel-Messstationen herrscht inzwischen Niedrigwasser. Gewässerökologisch führt dies zu einer geringeren Lebensraumverfügbarkeit in den Gewässern. Gleichzeitig wärmen sich die Gewässer stärker auf, wodurch sich die Sauerstoffversorgung der Gewässerorganismen verschlechtert. Im Extremfall trocken die Gewässer auch vollständig aus. Davon betroffen sind aktuell nicht nur die kleinen natürlicherweise trockenfallenden Oberläufe der Bäche, sondern auch Bäche mit größerem Einzugsgebiet.

Viele Flussperlmuschel- und Bachmuschelgewässer sind auf sehr niedrigem Niveau wasserführend. In vielen Regionen werden bereits Rettungsmaßnahmen vorbereitet.
Von den geringen Abflüssen, geringerem hydraulischem Stress und trockenfallenden Uferbereichen, in Verbindung mit höheren Wassertemperaturen profitieren dagegen einige Wasserpflanzen. Dies kann lokal zum Beispiel zu Massenvorkommen des Flutenden Hahnenfuß oder zu einer starken Grünalgenblüte führen.

Main und Donau unterliegen im Rahmen der jeweiligen Alarmpläne weiterhin einer intensiven Überwachung, weisen aber noch keine kritischen Werte bei den Überwachungsparametern auf. Die amtlichen Schwellenwerte für Sauerstoff werden am Main und an der Donau an einigen Messstationen unterschritten. Die Wassertemperaturen überschreiten an Main und Donau an einigen Messstationen die Orientierungswerte.

Entwicklung in den Seen
Das Ökosystem der Seen wird maßgeblich von der Temperaturentwicklung im Jahresverlauf geprägt. Der Wechsel von warmen und kalten Jahreszeiten sichert die Sauerstoffversorgung des Tiefenwassers und die Nährstoffversorgung der Pflanzen und Tiere im Freiwasser. Die sommerliche Schichtung der Seen hat sich stabil eingestellt. Durch die sehr warme Witterung haben die Oberflächentemperaturen bereits Werte nahe oder über den bisherigen Spitzenwerten erreicht. Massenentwicklungen von Algen und Cyanobakterien werden durch diese Verhältnisse gefördert, vor allem, wenn durch heftige Gewitterregengüsse Nährstoffe in die Seen geschwemmt werden. Erste gesicherte Meldungen über Blaualgenblüten gibt es bereits aus Schwaben (Mandichosee und Riedlinger Baggersee) und Oberfranken (Goldbergsee und Froschgrundsee). Für den Kleidersee bei Augsfeld wurde zudem ein Badeverbot verhängt. Für den Altmühlsee und den Dechsendorfer Weiher (Mittelfranken) gelten zeitweise Badewarnungen.
Durch die Regenfälle im Frühjahr waren die Wasserstände zu Beginn der Vegetationsperiode im normalen Bereich. Seit Wochen sinken die Pegelstände, sodass nun an immer mehr Seen die Uferzonen und damit z.B. Wasserröhrichtbestände trockenfallen. Die Schutzfunktion dieser Bereiche für Gelege, Vogelbrut, Jungfische und andere Tiere und Pflanzen geht somit verloren. Von den großen, tiefen und natürlichen Seen weisen einige bereits seit Wochen niedrige bzw. sehr niedrige Wasserstände auf. Bei kleinen, naturschutzfachlich relevanten Tümpeln im Amtsbezirk Deggendorf musst Wasser zugeführt werden, um das Habitat für die Gelbbauchunken zu sichern. Konkrete Auswirkungen der seit Jahren immer wieder auftretenden, teils langanhaltenden Trockenphasen auf Flora und Fauna der Uferzone können nur durch kontinuierliche Beobachtungen und Untersuchungen auch in den folgenden Jahren erkannt werden.

Ausblick:
Die derzeitige Trendvorhersage des Deutschen Wetterdienstes prognostiziert bis Mitte August vier durchschnittlich warme Wochen. Als zu feucht werden die Kalenderwochen 30 mit 31 und als zu trocken die Kalenderwoche 32 kategorisiert (KW 29 soll durchschnittlich ausfallen). Diese Einstufungen ergeben sich aus dem Vergleich mit dem Referenzzeitraum 2003 bis 2022. Daher wird sich die Niedrigwasserlage fortsetzen.

Abb.1: Abweichungen vom mittleren Monatsniederschlag (1971-2000) für die Regionen Nord- und Südbayern im Verlauf der letzten 2 Jahre.



Abb.2: Anteil an Grundwassermessstellen und Quellen mit der Klassifizierung niedrig, sehr niedrig bzw. neuer Niedrigstwert in verschieden Grundwasserstockwerken im Verlauf der letzten 2 Jahre.



Symbolzurück